F.M.R. - Inbegriff für liberale Konsequenz ... F.M.R.: Oktober 2006

31 Oktober 2006

Mögen Sie Cool Jazz?

von Bodo Wünsch


Unangestrengter (aus Sicht des Hörers) kann man nicht Trompete spielen. Helfen Sie sich, "runterzukommen".

Till Brönner: Oceana (2006) (Bild: Universal GmbH, Jim Rakete)

27 Oktober 2006

Schädel, Beton und der Arsch

von Bodo Wünsch

"Totenruhe gestört."
"Totenschändung."
"Inakzeptabel."

So die offizielle Melange aus Medien, Politik, Inspekteur und Minister.

"Nix dabei gedacht."
"Sind dort ziemlich unter Anspannung."
"Geht so nicht."

So der O-Ton eines anonym gebliebenen Mittenwalder Soldaten, der sich heute zu den Casi cranii öffentlich geäußert hatte.

Erstens: Hier haben wir mal ein ebenso augenfälliges wie makabres Beispiel dafür, wie zwei Welten aufeinander prallen (und wie weit sie voneinander entfernt sind!): Hier das pubertär-unreife Achselzucken eines beteiligten "Soldaten", das dich mit großen, unschuldigen Kulleraugen anschaut, dort der PR-gerechte, pc-kompatible, unpersönlich-zwingende Diplomaten- und Polit-Rettungsring des Staates. Dieser Ring aber ist aus (Staats-)Beton, und Beton schwimmt bekanntlich nicht.

Zweitens: Es sehen sich diejenigen aufs Deutlichste und zu Recht bestätigt, die (nicht nur) diesen Einsatz deutschen Militärs außerhalb der ohnehin fließenden Grenzen des sogenannten "Völkerrechts " (welches Recht hat den ein 'Volk' als solches?) nicht nur ablehnen, sondern ihn für geradezu kontraproduktiv halten. Was bringen Monate und Jahre des (in der Tat unglaublich belastenden, ich weiß, wovon ich spreche) Einsatzes in Afghanistan mit Händen und Füßen vorn (mit welchem Erfolg? - aber das ist ein anderes Thema), wenn man hinten mit dem Arsch so verdammt vieles (nämlich das Vertrauen, das deutsche Soldaten und Polizisten in der Tat dort genießen) wieder umhaut?

24 Oktober 2006

Staaten Sie durch! Aber bitte nicht mit Heribert Prantl!

von Bodo Wünsch

Heribert "nun-lasst-uns-für-das-Kollektiv-beten" Prantl vom Vorwärts von der Süddeutschen Zeitung, ein Muezzin des Etatismus, hat es mal wieder geschafft: In einem Kommentar von nur 85 Zeilen und 3297 Zeichen zu Köhlers njet zur Unterzeichnung des Gesetzes zur Privatisierung der Flugsicherung tauchen auf, selbstverständlich in streng affirmativer Hinsicht: 17 Mal das Wort "Staat" plus 3 mal "Staatlichkeit". Staat, Staat und nochmal Staat. Hosianna!

Nun ja. Bei Prantl weiß man, woran man ist ("weltoffen" und "Rechtsstaatsverteidiger" lobhudeln unbekannte Wiki-Autoren - viel eher erscheint er als der Archetypus des Linksintellektuellen, Prädikat edel). Im Alltagsgebrauch ist man sich dann nicht mehr so sicher. Wenn irgendjemand "Staat" in den Mund nimmt, dann ist er auf einmal da, der Staat, als ein abstrakt-fernes Etwas, wo schon mal die Augen glasig werden und die Gläubigen anheben zum Gebet auf "ihn", der personifizierten Unperson, dem Semitranszendentalen von der eigenen Scholle, von eigenem Blute, den irgendwie Verwandten; die meinen dann den BIG BROTHER (wenn es gut geht) oder den VATER (wenn es schlecht geht). Und es geht schlecht, Google liefert für "Vater Staat" 250.000 Treffer.

Dabei wäre es so simpel. Staat als eine Menge von Menschen unter Rechtsgesetzen. Recht als Inbegriff der Bedingungen der Handlungsfreiheit aller, einer Freiheit als Unabhängigkeit von der Willkür anderer, möglich und real unter Bedingungen der Rechtsherrschaft, in der Ordnung des Vernunftwillens, der wenigen Zwangsbefugnisse einer gedachten volonté générale, Zwang lediglich als Abwehr von Rechtsbruch, Freiheitszerstörung und Entmenschung.

20 Oktober 2006

Fragen über Fragen

Wer bestraft den den Bund bei Überschuldung? (Frage 1)
Welche Folge hätten derartige "Strafen" für den Bund, das Land, die Kommune? (Frage 2)
Wer sind "der Bund", "das Land", "die Gemeinde"? (DAS ist jetzt die bloß rhetorische Frage ;-))

18 Oktober 2006

Kalendarisch zugefallen...

... ist die Tatsache, dass das Weblog FMR heute, am 18. Oktober 2006, die erste Wiederkehr des Tages seiner Eröffnung feiert. Es wäre längst eingestellt worden, wenn nicht aktuell knapp einhundert Leute täglich mitläsen und Dutzende im Monat E-Mails schrieben. Danke dafür! Das motiviert zur Fortsetzung.

Das ist auch Anlass, am Kopf des Blogs zu feilen. Den etwas sperrigen Namen "Freiheit, Markt und Recht" kürzen wir ab zu FMR, um den virtuellen Dialog etwas zu vereinfachen.

Wenn sich Abstrakta wie Freiheit, Markt und Recht überhaupt auch nur annähernd symbolisch fassen lassen, dann in unseren Augen in Form der Freiheitsstatue: In der Rechten emporgereckt die Fackel der Freiheit, die der Menschheit den Weg weist. In der Linken, fest am Körper, das Gesetz als Ausdruck des Rechts. Auf dem Haupt die Strahlenkrone als Hinweis auf die Kraft der menschlichen Vernunft. Das Monument als Ganzes als Bild des Vertrauens für den Einzelnen, dass Freiheit, Markt und Recht unter Menschen nicht nur gewollt, sondern auch möglich sind.


17 Oktober 2006

Spontan ist besser...

... , vor allem in ästhetischen Bedürfnissen oder Belangen.

Einen Kleemann* zum Beispiel, einfach vor fünf Minuten erklickt, der würde uns gefallen - Büro, zu Hause, egal:


Mit bildender Kunst halten wir es wie mit allem Ästhetischen: Es muss 1. spontan gefallen und 2. beim zweiten Blick (oder 'ne Nacht drüber geschlafen) - immer noch gefallen. Wenn wir hingegegen gezielt und mit bestimmter Vorstellung etwa nach einem Paar Schuhe suchen, finden wir - nix. Geht es Ihnen auch so?

Spontan. So halten wir es nicht nur mit allem Kulinarischem, Klingendem und Kleidendem, und, inzwischen gelernt, auch mit anderen Dingen der ganz persönlichen Lebensgestaltung.

* Rainer Kleemann, geb. 1962, Maler und DJ in Berlin

In memoriam Stil und Form

Glaubt man Uwe Fenner, einem der renommierten Stilberater in Deutschland, dann liegen „Gute Manieren“, „Guter Stil“ und „Tischetikette“ wieder „absolut im Trend der Zeit“ (vgl. etwa die von Fenner moderierte openBC-Gruppe „Stil und Etikette“).

Sicher ist es richtig, dass das Wissen und die Praxis all dessen, was zum „guten Benehmen“ gehört, den Umgang miteinander nicht nur erleichtert. Gegenseitiger Respekt ist ethisch geschuldet und schon deswegen eine Selbstverständlichkeit. Der Vernünftige versteht und verschwendet ansonsten kaum einen Gedanken mehr daran.

Leider ist es nur noch ein allzu süßer Traum, sich im gewöhnlichen deutschen öffentlichen Raum zu bewegen, ohne wahrlich auf Schritt und Tritt massiven (z.B. Hund auf Gehsteig kacken lassen), ekligen (z.B. Schmatzen mit offenem Mund, nicht nur im „etwas anderen Restaurant“) oder auch kleineren (z.B. das fehlende, aber so unendlich einfache „bitte“- „danke“ an der Kasse) Verletzungen der „Etikette“ zu begegnen. Von den vielfältigen Beobachtungen unter Bedingungen des „Öffentlichen Personennahverkehrs“ mal ganz zu schweigen. Hier ist schon mehr „nah“ als „Verkehr“.

Wachsende Verwerfungen gibt es nicht nur zwischen Jung und Alt oder zwischen Angehörigen verschiedener sozialer Milieus. Sie existieren schon lange zwischen „Konservativen“, „Linken“ und „Liberalen“. Jene müssen sich (zu Recht) vorwerfen lassen, in dem sie formale Aspekte des Zwischenmenschlichen zum Selbstzweck erheben, demaskieren sie recht eigentlich ihren Antiindividualismus, der keine Abweichung der immer nur (selbst-)gesetzten Norm zulässt. Die anderen wiederum, namentlich die so genannten „68er“ (in ermüdender Weise auch zu gern von Fenner wiederholt), inzwischen Eltern erwachsener Kinder, sind „längst angekommen“, hätten als unbelehrbar Anti-Autoritäre ihren profunden Anteil am Untergang abendländischer Moral. Liberalen schließlich sei angeblich sowieso alles wurscht & willkommen, sofern nur irgendwie der Rubel nicht am Rollen gehindert wird: Lob dem Starken.

Verkürzungen, sicher, aber sie beinhalten einen wahren Kern. Doch wie so oft, liegt der eigentliche Kampfhund woanders begraben.

Etikette haben in „der“ (welcher eigentlich?) Öffentlichkeit scheinbar ihren Eigenwert verloren. Formen, die nicht durch ihre bloße Praxis anerkannt werden, gelten nicht; sie sind un-gültig. Ungültiges aber ist wertlos, und Wertloses nun mal unbrauchbar und ganz untauglich als Wechsel auf den Respekt meines Gegenübers. Unaufmerksamkeit (z.B. Nichtbeantworten von E-Mails), Nicht-Benehmen (z.B. nicht ausreden lassen, unpünktlich sein), Un-Stil (z.B. miserabel essen), Unhöflichkeit (z.B. Chauvinismen), bewusst-süffisantes Regelbrechen (z.B. „vollhauen“ am Buffet) bis hin zur Machtdemonstration oder offenen Aggression (z.B. Drängeln auf der Autobahn) ist inzwischen nicht nur weitgehend kostenfrei, sondern wird nachgerade belohnt (z.B. Küblböck) oder, in dialektischer Umwertung aller Werte, selbst zur Anti-Etikette erhoben (z.B. die gespielte Bescheidenheit gänzlich Unbescheidener oder noch beängstigender: die ungeschickte Unbescheidenheit an sich Bescheidener). Doch wo Respekt fehlt, verfallen die Gelegenheiten, die Möglichkeiten des Austausches, die Chance auf den Abschluss.

Fazit: Auf „Umgangsformen“ zu verzichten und ihre „Ungültigkeit“ zu behaupten, heißt: Kosten verursachen, die Kosten vertaner Chancen. Wenn schon nicht für sich, so doch immer für andere. Kosten sind negatives Kapital: Wer sich nicht zu benehmen weiß, betreibt eine Art Kapitalvernichtung oder zeigt, dass er bereits arm ist. Ein unfreies und verunsichertes Gemeinwesen, das Unfreiheiten und Verunsicherungen einfach hinnimmt, statt sie zu bekämpfen, offenbart mit dieser Unmeisterschaft, wie es um seine Liberalität bestimmt ist. Sich jedoch nicht benehmen zu wollen, schränkt die Freiheit Anderer insofern massiv ein, als diesem jene Verlässlichkeiten genommen werden, die regelgeleitetes Verhalten nun mal bietet. Wer hier nicht gegensteuert, bei sich beginnt und notfalls andere daran gegebenenfalls auch mit Nachdruck daran erinnert, nimmt sich 'Freiheiten', die ihm nicht zustehen. Er macht sich selbst zum Totengräber von Freiheit und arbeitet (wieder) all jenen in die Hände, die sich sogar staatliche Belange erst zu ihrem fragwürdigen Spielfeld gemacht haben und sie schließlich zwanghaft okkupieren.

Lieber Herr Fenner: Bitte weiter so!

07 Oktober 2006

Die Rückkehr zur Attitüde

Dirk Maxeiner und Michael Miersch, zwei geschätzte Publizisten (siehe auch den Journalisten-Weblog: „Achse des Guten“), attestieren jüngst "der" deutschen Gesellschaft nichts weniger als die veritable Rückkehr zur Klassengesellschaft.

Der freundliche WELT-Konsument neigt zu schnellem Kopfnicken, wenn das Gespann schreibt: „Die Gewinner der Bildungs-, Kultur- und Gleichstellungsoffensiven [also christsozialliberaldemokratischer Sozialklempnerei, FMR] wollen sich nach unten abgrenzen. Dünkel ist wieder erlaubt. Die es geschafft haben, vergessen, dass ihr postmaterielles Universum über einem materiellen schwebt, in dem sich nach wie vor die Wirklichkeit großer Teile der Bevölkerung abspielt.“

Allein in diesem Absatz führen sie uns auf die ganz großen Äcker: Spiele, Offensiven, Erlaubnisse, Grenzen, gleich ganze Universen und die Wirklichkeiten (!) großer (!!) Bevölkerungsteile (!!!). Das lädt ein, genauer hinzusehen.

Zunächst zum Soziologischen: Es bleibt offen, auf welchem empirischen, beleghaften Befund die Maxeiner-Mierschensche Analyse baut. Anzunehmen ist, dass die beiden ihre ganz subjektive (Welt-)Sicht anbieten. Sie "sind" zwar gegen Kollektivismus und für individuelle Freiheit, und wollen regelmäßig "Frohe Botschaften" verkünden. In dem eher unfrohen WELT-Artikel hingegen arbeiten sie aerodynamisch korrekt mit Kollektivismen ("Bildungsbürger", "Oberschicht" (?), "die Gesellschaft" (?)). Sie suggerieren, vertikale Biographien als je individuelle Lebensgestaltungen und je individuelle Lebensführungen in ihren horizontal gewechselten Rollenkleidern seien auf irgendwelche kollektiv-kategoriale (Klassen-)Leisten spannbar. Locker schlägt der sozialistische Verbalhammer ("Klassengesellschaft") auf den national-kollektivistischen Amboss ("Deutschland"-"wir"-"uns"-"hier"-"wohltuend"-"das" Ausland). Sie unterschlagen, sicher wider besseren Wissens, dass jeder Klassenbegriff als Erklärungsmodell von vorgestern überholt* und ansonsten recht leer ist; jeder zivilisierte Mensch bewegt sich in seinem ganz eigenen Gefüge qua individueller Geschmacks- und Wertsetzung zeitlich wie räumlich völlig frei, und er kann dies auch. Aldi-Konserven stehen heute so unverwandt in bulthaup-Küchen wie Cayenne fahrende Consultants beim public viewing zur WM auf der Münchner Leopoldstraße. Vielmehr setzt die fortgesetzte quasi-analytische Rede von der Klasse, dem Dünkel und der Schicht (und übrigens: der Nation und hoffentlich nicht wieder von der Rasse) erst all das, was hinterher als abstrakte Adressaten mehr oder weniger wohlmeinender Klagen, Hofierungen, Anbiederungen, Forderungen, Widersagungen oder eben bestimmter politischer Avancen monstranzengleich herhalten muss. Da wird das Leder knallhart aufgeblasen, im Rasen schön nass gemacht und mit reichlich Anlauf und Schmackes ins Namenlose gekickt.

Damit kommen wir zum (Polit-)Philosophischen: Die unmögliche, und daher unzulässige Methode, aus der tatsächlichen oder vermeintlichen Wirklichkeit irgendein Normkonstrukt zu basteln (und sei es noch so dünn, siehe den Schluss des genannten Artikels), ist uralt, und sie ist längst ebenso hinreichend wie vernichtend kritisiert.** Doch sie ist einfach nicht totzukriegen. „Rinks“ wie „lechts“ lebt dieser Dinosaurier aller gesellschafsklempnerischen Attitüden fort. Bequem ist sie obendrein: Wo es weder Rosse noch Reiter gibt, erspart sich deren Nennung.

Und wir hofften bislang, Maxeiner'n'Miersch hätten die „Siebzigerjahre“ überwunden.

* Soziologen sprechen heute zurückhaltend von "Milieus", wenn es um die Analyse von Gruppenspezifika geht

** Philosophiegeschichtlich zentrale (und durchschlagende) Kritik am behaupteten, aber bis heute bis zum Überdruss fortgesetzte Diskussion eines möglichen „Übergangs“ vom Sein auf das Sollen (oder umgekehrt) übte bereits Hume, die Kant bestätigte. Vgl. dazu David Hume, A Treatise of Human Nature, 3. Buch, 1. Teil, 1. Sektion; Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, AA (Akademie-Ausagbe) Bd. III 249; ders., Kritik der Urteilskraft, AA V 175f u. 195; ders., Über den Gemein­spruch..., AA VIII 288.


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03 Oktober 2006

Die Nachfolger von Jakob Ammann

Gerda Müller, deutsche evangelische Theologin, gibt einen kurzen und informativen Einblick in das Leben der nordamerikanischen Amish People.

Bemerkenswert sind zwei Dinge: Niemand muss endgültig Amish werden oder bleiben. Man kann sich entscheiden und austreten. Und: Amish People unterrichten ihre Kinder selbst - und sind später anscheinend bestens gerüstet für ihre selbst gewählte Gemeinschaft.

Selbst wenn man sich nicht für religiös oder gar christlich hält: Das Beispiel an Konzentration, Askese, Bestimmtheit und Kontemplation über Jahrhunderte hinweg beeindruckt. Umso erschütternder, dass es eine solche, nach außen ebenso friedliche wie enge Religionsgemeinschaft ist, die ein so unfassbar grauenhaftes Verbrechen zu gewärtigen hat.