F.M.R. - Inbegriff für liberale Konsequenz ... F.M.R.: Mai 2007

22 Mai 2007

Zu Bundeswehr, Wehrpflicht und der militärischen Intervention anderswo: Versuch einer freiheitlichen Positionsbestimmung

von Bodo Wünsch

Wolf Schäfer hat im Blog "Wirtschaftliche Freiheit" eine äußerst erhellende Betrachtung der Frage "Wehrpflicht oder Berufsarmee" aus rein ökonomischer Sicht verfasst. Insbesondere der Gedanke der "Wehrpflicht als Naturalsteuer" hatte ich so noch nicht betrachtet; ausgesprochen erfrischend die richtige Analyse, dass auch diese Steuer als Ausgabe eines autoritären Zwangskollektivs notwendig zu Fehlallokationen führt, die am eigentlichen (Markt-)Bedarf vorbeigehen. Schäfer war/ist (?) ebenso überraschender- wie bezeichnenderweise Professor für Volkswirtschaftslehre an einer der beiden Universitäten der Bundeswehr.

Seine vorzügliche Analyse, der ich im Ergebnis völlig zustimme, motiviert mich, aus der F.M.R.-Perspektive zu versuchen, der bloß ökonomischen Betrachtung zwei weitere Aspekte hinzuzufügen: Der eine beleuchtet die Frage aus rechtsphilosophischer Sicht, der andere liefert einige Gedanken aus persönlicher* Anschauung hinzu. Ziel ist es, darauf hinzuweisen, dass gerade in der Frage der instanzrechtlichen Durchsetzung legitimer (!) Gewalt (was sollte Recht als [frei-willig zugestimmter und organisierter] 'Zwangsbefugnis' auch anderes sein?) eine Entscheidung auf rein ökonomischer Basis zwar eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung ist.

Zunächst zur Situation aus juridischer Sicht: Solange es keine funktionierende Welt-Rechtsordnung freier und gleicher Weltbürger gibt, welche gemäß der Forderung des allgemeinen Menschenrechts auf Rechtssicherung selbige instanzrechtlich von nationaler auf internationale Ebene hebt, etwa in Form einer wie auch immer organisierten (privatrechtlich oder kollektiv-rechtlich, das sei hier unerheblich) "Weltpolizei", solange bleibt nicht nur der (national selbstbestimmte) Bedarf (mit entsprechender Nachfrage) an der Möglichkeit militärischer Verteidigung von Eigentumsinstanzen eine zulässige Forderung des Rechts, sondern es ergibt sich daraus geradezu die Pflicht, aktuellen oder drohenden Verletzungen des Menschenrechts (auf Rechtssicherung) aktiv zu begegnen. Kant hat gezeigt, dass diese Pflicht sowohl dem Einzelnen obliegt (etwa wenn es darum geht, einem Obdachlosen beizuspringen, der von einer Bande Jugendlicher zusammengeschlagen wird), als auch eine rechtlich auf eine Organisation übertragbare Pflicht aller (A. Smith spricht als Ökonom von der Arbeitsteiligkeit) angesehen werden kann (etwa einen ge-eigneten Landstrich von seinen Eigentümern von einer Militäragentur vor widerrechtlicher Enteignung durch Fremde schützen zu lassen). Damit sei lediglich die Frage des "ob überhaupt" geklärt, keineswegs die Frage nach dem "wie". Jenseits aktueller historischer Bedingungen bleibt davon ebenfalls die Frage unberührt, ob und unter welchen Bedingungen die tatsächliche militärische Intervention eines Staates oder einer "Staatengemeinschaft" möglich sein kann, um - etwa am Beispeil des Engagements in Afghanistan (eher hilflos) oder Israels (durchaus nicht hilflos) - dem Menschenrecht zur Wirksamkeit zu verhelfen. Doch dies alles rechtfertigt nicht eine staatliche Wehrpflicht: Mit Schäfer und anderen vertrete ich die Auffassung, dass die etwa viel virulenteren, weil alltäglich anfallenden Aufgaben instanzrechtlicher Organisation allgemeiner Rechts- und Marktinteressen ja auch nicht im Hinblick auf die Rekrutierung berufsmäßigen Personals durch die zeitweise Zwangsverpflichtung zu den entsprechenden Diensten (Polizei, Justiz, Verwaltung) bearbeitet werden. Ich halte als Zwischenergebnis fest: "Militär" ist lediglich empirischer Ausdruck eines historischen (Welt-)Verhältnisses; es ist in erster Linie Gewaltinstanz; als solche kann es rechtlich oder widerrechtlich agieren; ist es rechtlich und agiert sie rechtmäßig, ist gegen Militär (als Ausdruck der Stiftung und Sicherung von Menschenrecht) schlichtweg nichts einzuwenden.

Aus eigener Anschauung kann ich sagen, dass der Beruf des Soldaten wie kein zweiter ein von allem Pathos befreite Profession um ihre Profession willen zu sein hat. Umso mehr mag die aktuelle Situation etwa der Bundeswehr als einer kaum nach ökonomischen, sondern auf traditionelle "politische" Vorstellungen begründete und geführte Kollektivinstanz des "demokratisichen" Staates jeden bedrücken, der die Effizienz einer rein marktgesetzlichen Organisation militärischer "Bedürfnisse" des Intanzrechts erkannt hat. Die groben und damit im Grunde widerrechtlichen, weil zweckwidrigen Fehlallokationen in ihrer Organisation (Budgetkosten, Wehrpflicht, Truppenstärken [hier zu viele, dort zu wenige]), Führung (Mängel in Ausbildung und Dienstbetrieb, massiver 'overhead') und Ausstattung (veraltete Systeme, zuwenig und zu spät neue Technik), die Schäfer nur andeutet, sind Realität, und sie sind Legion; allein aus meiner Dienstzeit ließen sich Anekdoten in einer Zahl beitragen, die den Rahmen dieses Blogs sprengen würden. In diesem Lichte betrachtet, ist es nicht nur verantwortungslos, sondern geradezu unmoralisch, deutsche Truppen in einem Land wie Afghanistan einzusetzen, und man fragt sich allmählich, wer von beiden in desolaterem Zustand ist; abgesehen davon, dass der zu leistende und geleistete Dienst dort seinem Umfange und seiner Form nach nicht einmal die Bezeichnung "Tropfen auf den heißen Stein" verdient - die 'Verteidigungsbeamten' dort sind schlicht nicht in der Lage, den Aufbau einer nennenswerte Rechtssicherung im Land zu unterstützen, und das liegt nicht allein am gänzlich fehlgesteuerten 'Auftreten' der US-Truppen vor Ort. Wenn die Taliban und andere eines erkannt haben, dann dieses: Anschläge dort, wo man den 'Gegner' am schwächsten Punkt trifft (übrigens seit jeher ein militärisches Grundprinzip) - und das ist - leider! - diesmal erneut die Bundeswehr gewesen.

Fazit: Längst gehört der Zwangsdienst "Wehrpflicht" (das Wort: ein irreführender Euphemismus!) abgeschafft, und mit ihm der Zivil-"dienst" gleich mit. Noch viel mehr Aufgaben als etwa nur die Versorung mit Fahrzeugen (bundeswehr-fuhrpark) und Bekleidung sollten frei, also wettbewerblich organisiert werden - etwa die Personalauslese und -führung, die Ausbildung, die Verwaltung, das Liegenschafts-Management usw.. Doch dies wäre das Ende eines "stehenden Heeres" in Deutschland, und dies wäre als solches in der Tat ein gehöriger Staatsabbau - ob ich das (und anderes) je erleben werde, möchte ich bezweifeln.

* Der Autor war dreizehn Jahre als Zeitsoldat im Heer aktiv und ist heute Major der Reserve.

1 Minute Hesse

"Was ist groß oder klein, wichtig oder unwichtig? Die Psychiater erklären einen Menschen für gemütskrank, der auf kleine Störungen, kleine Reizungen, kleine Beleidigungen seines Selbstgefühls empfindlich und heftig reagiert, während derselbe Mensch vielleicht Leiden und Erschütterungen gefaßt erträgt, welche der Majorität sehr schlimm erscheinen. Und ein Mensch gilt für gesund und normal, dem man lange auf die Zehen treten kann, ohne daß er es merkt, der die elendste Musik, die kläglichste Architektur, die verdorbenste Luft klaglos und beschwerdelos erträgt, der aber auf den Tisch haut und den Teufel anruft, sobald er beim Kartenspiel ein bißchen verliert. Ich habe in Wirtshäusern schon sehr häufig Menschen von gutem Ruf, die für durchaus normal und ehrenwert gelten, wegen eines verlorenen Spiels, namentlich wenn sie einem Mitspieler die Schuld am Verlust aufbürden zu müssen, so fanatisch, so grob, so säuisch fluchen und toben hören, daß ich sehr das Bedürfnis fühlte, beim nächsten Arzt die Internierung dieser Unglücklichen zu beantragen. Es gibt eben vielerlei Maßstäbe, die man alle gelten lassen kann; aber irgendeinen von ihnen, sei es auch der Wissenschaft oder der der augenblicklichen öffentlichen Moral, für heilig zu halten, will mir nicht gelingen."



aus: Hermann Hesse, Lektüre für Minuten, Frankfurt 1971 (st
7)

21 Mai 2007

Traum, gegenstandsloser

Die ARD strahlt heute abend, 21 Uhr den zweiten Teil der Polit-Reportage "Das Märchen vom gerechten Staat" aus.

Ich hatte zunächst* davon abgesehen, entgegen des liberalen Blogstreams die Sendung meinen Lesern zu empfehlen. Der Titel handelt von etwas, das unmöglich ist: Einen "gerechten Staat" gibt es ebensowenig wie den "Gerechten Krieg". Die Sendung behandelt etwas, was nicht ohnehin jeder ahnt, der bereit und willens ist, nur einen Jota über traditionelle Politismen hinauszudenken. Folgerichtig blieb es zumindest im ersten Teil beim (bequemen) Zeigefingern auf "die" Politik und die inzwischen ins Monströse, ja ins Autistische ausgewachsene historische Dimension der hiesigen Auto-Bürokratie. Die Sendung suggeriert - wie so viele - wieder, als bedürfe es lediglich der "richtigen" oder "guten" Politik, dann würde "der Laden schon laufen". Ich bleibe dabei: Politik gebiert genau das, was sie hinterher entweder a) beklagt oder, schlimmer, b) was sie hinterhier zum Eigenbetrieb so bitter braucht: Die mehr oder weniger "gelingende" Organisation des Anspruchs, auf Kosten anderer zu leben.

Die Sendung müsste vielmehr "Das Märchen vom Staat" heißen - wenn ihr Thema die Bürokratie als solche ist. Dann aber darf sie kaum beim bloßen Befund steckenbleiben. Sie müsste schon aufzeigen, welche Ansätze es (längst) gibt, der universellen Rechtsnorm zur Freiheit auch ohne "Staat" zur Wirksamkeit zu verhelfen. Doch dann müsste die ARD aufhören, ARD zu sein, und ihre Reporter "verlören" (zunächst) "ihren" "Arbeitsplatz".

* Zappen Sie rein. Schadet auch nicht ;-)

19 Mai 2007

Muslim oder Islamist - wie klar ist der Unterschied?

von Karl Stritzinger

Für den Libertären, Freiheitlichen, Liberalen, Anarcho ... lohnt es sich durchaus, das Warum des unablässigen Hauen & Stechens im Nahen Osten zu beleuchten. Gerade im Hinblick auf den Wert der Freiheit bei den dort ansässigen unterschiedlichen Religionen. Zwar bin ich nicht umfassend informiert, kann mir aber kaum vorstellen, dass Juden Christen oder Muslime in die Luft sprengen; Christen sprengen auch keine Juden oder Muslime in die Luft.

Sicher zählt nicht jeder Muslim in den Palästinensischen Gebieten zur tödlichen Fraktion derer, die das persönliche Heil im Sich-Selbst-und-andere-in-die-Luft-Spengen zu finden glauben. Ihr Anteil am Gesamt scheint allerdings schon recht hoch, und schlimmerweise scheint der stille Anteil derer, die solchen Leuten Verständnis und Unterschlupf bieten, oder sie gar organisieren, noch viel höher.

Ich habe eine Arbeitskollegin aus Bosnien, die berichtet, dass vor dem Bosnienkrieg der Islam in ihrem Land kaum eine Rolle spielte; die muslimischen Bosnier gerierten sich auch am wenigsten religiös von allen Religionen. Das hat sich mit dem Krieg geändert. Im Zuge der Auseinandersetzungen kamen tausende Dschihadisten und Mudschaheddins ins Land. Sie bestimmten heute das öffentliche Leben dort. Meine Kollegin spricht von "schwarzen Ninjas", wenn sie entsprechende Gestalten bei Fahrten in das Dorf ihres Mannes sieht. Sie erklärt, dass dies nicht die einheimischen Bosnier seien.

Wie kommt es, dass innerhalb weniger Jahre eine Gesellschaft totalitäre Züge annimmt - zwar nicht so absolut totalitär etwa wie im "Dritten Reich" oder unter dem Kommunismus, aber immerhin solche Züge bekommt - und die Menschen schauen nur zu? Das Übelste, was man in Bosnien beobachten konnte, war eine verschleierte Frau, die mit einer Kette um den Hals von ihrem Mann hinter sich hergezogen wurde; niemand griff ein, keiner widersprach! Mitten in Europa!

Vergleiche ich damit die hiesige Aufmerksamkeit und Diskussion etwa auf der Achse des Guten, um Ayan Hirsi Ali u.a., dann kommen mir die Zweifel, ob der Islam , wenn er sich ernst nimmt, überhaupt sowas wie Freiheit zulassen kann und will. Orthodoxe Juden und radikale Biblizisten schimpfen zwar auch und oft recht laut über das sündige Leben der "Ungläubigen" oder über 'Häretiker'; doch deswegen knallen sie sie noch lange nicht ab oder sprengen sich mit ihnen in die Luft.

Wo ist die Trennlinie zwischen Muslim und Islamist?

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"Die Welt radikal umstoßen. Das können nur wir."

von Bodo Wünsch

So spricht Jean Ziegler, Schweizer Sozialdemokrat und "UN-Rapporteur" auf dem Anti-G8-"Mobilisierungsclip" schlechthin (s.u.). Spätestens hier bekommt man als Liberaler beim Betrachten des Machwerks erste Gänsehaut.

Es lohnt sich allerdings, sich die Melange einmal genauer anzusehen; genießen Sie die Klarheit der Argumente ("Schweine. Punkt."), die Schlagkraft jugendlicher Prophetie ("Es wird immer heißer, mehr regnen, mehr Stürme geben."), aber vor allem die Unverbindlichkeit der vielen versteckten Drohungen ("wir werden 'nicht mitmachen'"), diese Attitüde gegen alles ("diese Welt"), und doch wieder gegen nichts ("Ich bin nicht nur Konsumentin. Ich will mitbestimmen."):



"Nehmt euch schön 'n Schal mit und Kapuze, seh'ma uns da." Sollte es Ihnen eiskalt den Rücken runterlaufen, trösten Sie sich: Sie sind nicht allein.

Nun, was "man" will, scheint klar: Eine "andere Welt". Wie "man" sich die herzustellen gedenkt, darf geraten werden. Aber eins ist klar: Ohne Gewalt werden die es nicht abgehen lassen. Wer meint, "Blockaden" seien etwas anderes als nackte Gewalt, der täuscht sich gewaltig.

Dennoch überwiegt letztlich das Bedauern darüber, wieviel menschliche Energie, wieviel Kraft und Ressourcen auf der einen (zwangsmonopolisierter G8-Etatismus) und auf der anderen (G8-und überhaupt-irgendwie-alles-Kritiker) sinnlos nebeneinander her verpuffen. Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, zögen beide "Lager" an einem Strang!

So sollten echte Liberale/Libertäre nicht müde werden, mit ruhiger, sachlicher und vor allem grundrationaler Beständigkeit für eine Haltung zu werben, in der folgendes im Zentrum steht:

1. Das selbstbestimmte, eigenverantwortliche Individuum, das nichts von anderen fordert, das es nicht selbst zu leisten imstande ist

2. Ein radikal freier, anti-privilegierter Welthandel ohne "Entwicklungshilfe"

3. Der Respekt vor dem Subjektrecht auf Eigentum


Ja, eine "andere" Welt ist möglich. Zumindest eine solche, in der es niemanden beim Anblick solch übler linker protofaschistischer Propagandastreifen kalt den Rücken runter zu laufen braucht. So lange es aber offenbar diese Welt nicht gibt, darf die Frage erlaubt sein, wer 'uns' eigentlich vor der nächsten Menschheitskatastrophe schützt; denn die scheint wahrlich näher als noch irgendeine "Klimakatastrophe".

16 Mai 2007

Ron Paul's Botschaft

von Bodo Wünsch



Soweit Ron Paul, der unter Libertären wohlbekannte und -gelittene US-Kongressabgeordnete.
Im System mit dem System gegen das System? Kann man das sagen? Kann man das wollen?

Sicher kann 'man' das; vielleicht auch ein wünschenswerter Weg. Ron Paul unterscheidet sich methodisch nicht von jedem anderen Politiker: Etwas versprechen, Vertrauen gewinnen, gewählt werden, zur institutionalisierten Staatsmacht kommen. Und dann?

Raus aus den Kartoffeln wäre gut. Wieder rein, wäre schlecht: Eine Rechtsordnung ist dennoch niemals eine Werteordnung, und seien es "our values of liberty". "Pursuit of happiness" ist nunmal einfach kein Menschenrecht. "Libertarismus" lässt sich nicht "herstellen". Er muss gelebt werden. Ob das im und mit dem System geht, bezweifeln viele Libertäre, Anarchisten sowieso.

Jedenfalls liefert Mister Paul allemal besseres, ach, was sage ich: um Lichtjahre besseres als das fürwahr Enttäuschende, ja Erschreckende, teils sogar Erwartete, was man so von einem führenden Angehörigen unserer einzigen "Freiheitspartei" kürzlich so lesen konnte.

15 Mai 2007

Noch einmal: Anarchismus ist unmöglich

von Bodo Wünsch

1. Theorie:

Wenn der allgemeine Wille (nicht: Willen der Vielen) nach Freiheit eines jeden im Frieden mit allen anderen zur Stiftung jener Freiheit schon die Freiheitsmöglichkeit als solche einschließt - da muss, um sich nicht selbst zu widersprechen, ebendiese Sicherung das Wollen eines freiheitsichernden Zwangs voraussetzen, und wird sie bestimmt, wird sie Instanz. Das ist überhaupt der einzig legitime Grund für Zwang als Instanz: Die Sicherung des Freiheitsrechts als eine Sicherung noch jeden Rechts, das aus dem Anspruch von jedermann auf "Lebensverwirklichung" zusammen mit und gegenüber allen anderen entspringt. Rechtssicherung ist unerlässliche Freiheitsbedingung. Ideologischer Anarchismus widerspricht sich selbst. An die Adresse der 'Anarchokapitalisten': Eure Forderung nach [dann] privaten Sicherheitsagenturen zwecks Sicherung von Marktbeziehungen ist übrigens ausgesprochen anti-anarchistisch.

Die anarchistische Idee hält jedes tatsächliche Unterworfensein von Menschen unter eine zwangsbewehrte Instanz als solche schon für widerrechtlich - das ist der Kern ihres Selbstwiderspruchs. Allein eine Instanz abzulehnen, eben weil sie zwangsbewehrt ist (und damit trivialerweise potenziell jeder seiner 'Interessen' entgegensteht), missachtet die vernunftnotwendige Forderung nach Rechtssicherung. Der Anarchist schüttet das Kinde mit dem Bade aus. Denn Rechtssicherung ist nichts anderes als Grenzbestimmung per Zwang. Selbstverständlich: Zwang ist dann und nur dann als rechtliche Grenzbestimmung legitim - Grenzbestimmung der Freiheitssphären aller, und als solche kann sie nur eine allgemeingültige, universale sein.

2. Praxis:

Treffen sich zufällig zwei Interessenten mit je eigenen Interessen - (nun, was anderes könnte ein Interesse sein, wenn nicht ein eigenes?) - dann ist der "Vertrag" unerlässliche Bedingung für Markt: Gibst du mir X (weil ich es gerade brauche), gebe ich dir Y (das du gerade brauchst). Beide stimmen zu? Einverstanden! Der frei-gewollte und damit freiwillige Tausch ist Aus-Tausch, temporärer Aus-Gleich von Interessen. Hier bedarf es keiner Zwangsinstanz. Sie betritt nicht 'a priori' die Bühne. Der Markt ist ein scheinbar anarchistischer; der Vertragswille wohnt dem Interesse inne. Gleichzeitig jedoch wohnt dem Vertragswillen der aus Vertrauensgründen unausgesprochene Wille inne, vor Vertragsbruch gesichert zu sein: Vollzug des Tausches eines wahren, echten X gegen ein wahres, echtes Y - gemäß Vertrag, gemäß Vereinbarung. Was oder wer aber leistet Sicherung vor Vertragsbruch? Doch nur die von allen zu díesem Zweck gewollte (Rechtssicherungs-)Zwangsinstanz. Es findet nur zweierlei statt, ein Drittes gibt es nicht: Entweder Markt als Vertragsvollzug, oder der vollständige Nihilismus von Nicht-Markt mangels a) Vertrauen oder b) Nichtvorhandensein einer (Rechts- = Vertragssicherungs-)Zwangsinstanz oder durch c) die bloße Gewalt des Unrechts (etwa: X wird ohne Herausgabe von Y entrissen).

Die anarchistische Idee mag unter heutigen Staatsbedingungen mehr als sympathisch sein, kein Zweifel; leer ist sie allemal. Freiheit und Markt gibt es nur im Recht, und es gibt sie nur mit Recht - sozusagen im Beipack. Alles andere ist materieller Nihilismus, Indifferenz der Gewalt, Unverständnis der Vernunfterfordernis.

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14 Mai 2007

Gruß an N. Luhmann

von Bodo Wünsch

Genau genommen, kann man einen "Markt" nicht regulieren. Manche Schlaumeier können oder wollen das partout nicht verknusen.

Markt ist ein abstrakter Begriff für ein System. Im Marktsystem organisiert sich das Interessenaggregat der Menschen. Mikrotheoretisch so spontan wie zufällig, makrotheoretisch so zielgerichtet wie planbar. Widersprüchlich?

Bemüht man die Luhmann'sche Systemtheorie, dann hat jeder Systemeingriff eine Veränderung im System zur Folge; beabsichtigt oder nicht, spielt keine Rolle. Die Änderung verändert. Und - mit Luhmann gedacht - der Wegfall einer Änderung hat nicht etwa die Herstellung es status quo ante zur Folge, sondern eine erneute Systemänderung, da der Wegfall als neuerliche Änderung auf ein System trifft, das nicht mehr jenes im status quo ante gewesen war. Das System erinnert sich.

So haben etwa scheinbar 'exogene' Zwänge im System nur scheinbar 'endogenes' Verhalten zur Folge. Beispiele: Tabaksteuer und Zigarettenschmuggel, Flächentarife und Schwarzarbeit, Rechts-"grenzen" und "Einwanderung", Nationalismus und Sozialismus - nicht nur jeweils immer zwei Seiten einer Medaille, sondern systemverändernde Bedingtheiten. Die gerufenen Geister, sie wird man nicht mehr los.

Das wäre ein Argument, dem 'Liberalen' Politik zu 'erlauben'. Und der 'Libertäre'? Ist es nicht schon Politik, Anti-Politik zu wollen?

05 Mai 2007

Heute vor 30 Jahren: Ludwig Erhard +

(Bild: via Wikipedia)

Wer die Hintergründe und Wirkungen ökonomischer Realitäten kennt, versteht und anerkennt, spricht niemals von einem "Wirtschaftswunder" im westlichen Teil Nachkriegs-Deutschlands als einer außergewöhnlichen Situation, einer besonderen "Leistung" oder "Idee" einiger Einzelner.

Vielmehr spricht er vielleicht von einem Politikwunder, zumal aus heutiger Sicht, nämlich als dem Wunder, dass Antibürokratie, Nicht-Politik und vor allem: Gelassenheit in ihren ureigensten Bedeutungen möglich sind.

Die vielen, sich selbst überlassenen Einzelnen, sie sind es, welche die humanste Gesellschaft hervorbringen, die man sich nur denken kann: Eine freie, eine friedliche und eine gerechte - und damit eine prosperierende Gesellschaft.

F.M.R. gedenkt Ludwig Erhard als Persönlichkeit für Freiheit, Markt und Recht.

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02 Mai 2007

Gutmensch 2.0: "Die Gesellschafter"

von Bodo Wünsch

"Aktion Mensch", die sich einst ausschließlich um die Verbesserung der Situation Behinderter gekümmert hat, denkt jetzt ganz groß; es scheint, als leide "die Gesellschaft" als Ganzes unter einem Malus, dem nur mit einer medialen Superkampagne beizukommen ist.
Unter der Bezeichnung "Die Gesellschafter", wohl ein direkter Abkömmling von "Du bist Deutschland", ist mir nicht klar, worum es eigentlich geht; auf der Internetseite ist viel von Utopie die Rede und der Möglichkeit, sich zum Thema Weltverbesserung zu äußern. Und von ein bisschen Engagement, das aus diesem groß angelegten brainstorming folgen "soll". Warum, weshalb, wozu und vor allem wie, bleibt verborgen.
Folgerichtig ist von RECHT, dem Königsweg der Menschheit, oder MARKT als Begegnungsort Frei-Williger, auch hier kaum bis keine Rede (s. Ausschnitt aus der aktuellen Kampagne). Dafür umso mehr davon, so kann man mit einigen hermeneutischen Fähigkeiten durchaus schließen, dass wir alle doch bitt'schön nur gute, anständige und liebe (= "sozialkompetente") Menschen zu werden brauchen, "solidarisch", friedfertig und vor allem, auch das fällt auf, reichlich marktfern und betont nicht- bis antikommerziell (wenn nicht antikapitalistisch), damit aus der bösen, kalten, globalisierten, technisierten, korrupten, ja inzwischen ökologisch sowieso kaputten Menschenwelt eine gute "Gesellschaft" geworden ist, in der wir uns alle dicke lieb haben.
Folgerichtig geht es mit und in dieser linken roten gutmenschelnden weltverbesserischen Kampagne einmal mehr darum, "den Kapitalismus zu zähmen", ihm die Zähne zu ziehen. Verständlich, wenn suggeriert wird, der Begriff sei synonym für "Rekordgewinne und maßlose Mangagergehälter einerseits, Massenentlassungen und neue Armut andererseits". Da wird aus der simplen Erfahrung, dass der Mensch sich für seinen Segen nunmal ein bisschen regen muss, "das Gesetz des Dschungels". Es nimmt nicht wunder, dass sich der DGB als "ideller Unterstützer" des Projekts ausmachen lässt und man en passant das Wort "ideologisch" durch seine euphemistische Schwester "ideell" ersetzt hat.
Und insgeheim ärgere ich mich darüber, dass die General-Linke in Deutschland es schafft, die im Grunde so triviale Selbstwahrnehmung als individuell verantwortlich handelndes Subjekt als eine darzustellen, die schon von vornherein und ohne weiteres für alles verantwortlich ist, was (ebenso im Grunde) völlig außerhalb individueller Verantwortlichkeit liegt: "die Gesellschaft", das Wohlergehen anderer, die möglichen Irrtümer, Schwächen und Verfehlungen anderer.
Das Projekt suggeriert eine Verantwortlichkeit, die es schlicht nicht gibt. Es überfordert den Einzelnen. Es macht ihn schon schuldig, bevor er überhaupt begonnen hat. Es schwingt, einmal mehr, die so irrationale Lehre der Ur- und Erbsünde mit und die so absurde Heilsvorstellung, es "müsse" (diesseits oder jenseits, spielt längst keine Rolle mehr), ein "Mehr" geben über das hinaus, was der Einzelne zu leisten vermag oder je geleistet hat.
Der "Gutmensch 2.0", gleichzeitig Teil und Ziel einer neuen Religion. Wir haben es mit einem um sich greifenden Glauben zu tun, einem umfassenden Glauben jenseits traditioneller Konfesssionsgrenzen. Man bemerkt den Götzen nicht, den man zur Anbetung vorgesetzt bekommt, und die Frage ist durchaus erlaubt, ob alle Protagonisten dieser neuen Religion selbst merken, was sie tun.
Zu allem Überdruss erscheint ausgerechnet derjenige als Häretiker, der sich in erster Linie um nichts anderes kümmert als um sein eigenes Auskommen im Rahmen des ihm Gegebenen, des ihm Möglichen - und dabei ganz nebenbei x Menschen "mitnimmt", deren Rahmen vielleicht ein anderer ist. Er ist bereits Gesellschafter, man muss ihn nicht erst auffordern, einer zu sein. Er kann aber kein Kampagnen- und Sonntagsgesellschafter sein, er will es vielleicht gar nicht erst versuchen, und schon die Nichtunterzeichnung irgendeiner Petition wird so zum Makel an der Person. Ausgesprochene Nichtgesellschafter werden zur Krankheit in der Gemeinde der (selbsternannten!) "Gesellschafter", einer Behinderung gleichsam, für die dann wiederum irgendeine "Aktion Mensch" zuständig ist. Hier schließt sich der professionelle PR-Kreis: "Rede über (tatsächliche oder vermeintliche, egal) Probleme, Mängel oder auch nur Wünsche , und präsentiere dich sogleich als Löser, Beheber und Erfüller! Spanne ein Banner auf und versammle Menschen unter ihm."
Gutmensch 2.0. Seht Euch vor, Leute. Wehret den Anfängen.