von Bodo WünschEvolution - Vernunft - Freiheit. Selbstverständlich lässt sich zwischen den Begriffen ein wunderbarer Zusammenhang herstellen.
Beim Joggen durch den Park denke ich mir: Wow, ein Haselstrauch ist immer ein perfekter, ein vollkommener Haselstrauch, sonst stünde er nicht da, hätte dort nicht Wurzeln schlagen können. Ebenso die Vögel: Fliegen perfekt, der Flug ist Bestandteil ihrer Vollkommenheit - sie könnten anders nicht existieren. Eine Amsel kann nicht anders, als Amsel zu sein: Wie schön, wie ideal, wie perfekt für sie, und wie angenehm-beneidenswert manchmal für den menschlichen Betrachter (und ärgerlich für die Katze am Boden). Soweit zur Evolution. Sie ist, wie sie ist, und es macht einige Freude, die Natur als solche zu ergründen.
Nun zum Menschen: Ausgestattet mit dem wahrlich großartigen Phänomen der Vernunft, der Fähigkeit zur Geltungsreflexion (wahr/falsch, gut/böse, schön/hässlich), bleibt er als Träger und Exekutor der Vernunft wohl ewig affiziert von allen natürlichen Anwandlungen seiner Gefühle, seiner Triebe, seiner Motive, kurz: all den Irrationalismen, die sich als
mehr oder
weniger blutige Spur durch Leben und 'Geschichte' zieht. Sie, die Vernunft, zu vergöttern, lohnt sich nicht - dies ist ebenso
falsch wie sie zu
verteufeln.
Aber - und jetzt kommt der Punkt: Die Vernunft hat den Menschen frei geamcht, buchstäblich befreit von
aller jener Perfektion, aller unabänderlichen, unumstößlichen Vollkommenheit der
Natur. Blöd, das: Er hat nur noch die Vernunft, um zu überleben. Und umsichtig einsetzen soll er sie auch noch...
Und so liegt
Hoppe auf ebenso tragische wie hanebüchenen Weise daneben mit seiner (übrigens längst nicht neuen) "natürlichen Ordnung", die der selbsternannte "Anarcho-Kapitalist" an die Stelle des "Staates" (er meint immer nur den historischen Staat, nicht die praktische Idee von ihm, die er nicht begreifen will oder nicht begriffen hat) glaubt setzen zu können. Wenn es sie gäbe, die 'natürliche Ordung', warum konnte sie sich als Kraft, so unbändig und trittsicher sie nach Hoppe ist, nicht längst Bahn brechen? Sie ist eine Schimäre, die
lex naturae, nur Nanometer entfernt von stupidestem Gottesglauben. Sie, die natürliche Ordnung, die sich angeblich ohne Staat schon einstellen wird, wird von einigen, fatalerweise von vielen aus dem libertären Spektrum, als unhinterfragte göttliche Ordnung betrachtet. Gewiss, sie bietet sich an, drängt sich geradezu auf, der Gedanke "natürlicher" Beziehungen ist geradezu sympathisch - wenn man nichts anderes hat, wenn man historische Herrschaftsordnungen und "den" Staat als synonym betrachtet oder, dies schon die höherere Schule, in der bloßen Idee von ihm das Böse (vom menschlichen Willen) am Werke sieht. Das einzige, was Hoppe noch irgendwo rettet, ist sein Antietatismus: Viel
schlimmer sind in der Tat all jene, die eine
natürliche,
göttliche oder eine
Zweckordnung oder irgendein '
historisches Gesetz' im oder gar mit dem Staat verwirklicht sehen wollen.
'Ordnung' unter Menschen ist eine Aufgabe, und die Idee des Rechts (als Idee von einer gesetzlichen Harmonie der Freiheit aller) zeigt ihren grundsätzlich prozessualen Charakter. Wir sind nicht Vogel, nicht Baum, nicht Blume: Wir sind Vernünftige, und wenn wir unsere Freiheit haben wollen, müssen wir jeden Tag etwas dafür tun (zum Beispiel Leuten wie Hoppe Paroli bieten). Gottesglaube, welcher auch immer es sei, mag auf dem Weg dorthin den einen oder anderen beruhigen, helfen wird er uns nicht.
Labels: Freiheit, Gott, Hoppe, Liberalismus, Vernunft