F.M.R. - Inbegriff für liberale Konsequenz ... F.M.R.: Januar 2008

30 Januar 2008

Berlin

von Bodo Wünsch

Seit nunmehr 25 Jahren komme ich (Münchner) fast schon regelmäßig in die Hauptstadt, begonnen hat es einmal mit einer Klassenfahrt, jetzt wechseln sich geschäftliche, urlaubs-, blogosphärisch oder "bildungsbürgerlich" bedingte Aufenthalte in schöner Regelmäßigkeit ab.

Ja, ich mag die Stadt. Komme gern. Ich mag sie schon allein wegen ihrer Größe, ihrer Ausdehnung, der Breite der Straßen, der Weite ihrer Promenaden, ihrer Belebtheit und der Tatsache, dass man beinahe jeden Winkel bequem mit "öffentlichen" Verkehrsmitteln erreichen kann.

Und ebenso lange frage ich mich, wie die Menschen, die in Berlin leben und die unglaubliche Vielfalt (Kunst!), ihre Eigen- (Provinzgefühl! Kiez!) und Blödheiten ("Prenzlberg"!), sie selbst ertragen.

Keine Sekunde würde ich es aushalten. Will man alle Galerien sehen, müsste man nach der letzten besuchten Galerie bei der ersten wieder anfangen. Ich hätte in dieser Stadt stets das Gefühl, mehr noch als irgendwo anders auf der Welt, dass gerade da, wo ich nicht bin, der Bär steppt. In Berlin denke ich jedes Mal, ich würde grad was verpassen - besonders dann, wenn man doch einen ganzen Tag und eine dreiviertel Nacht als Besucher möglichst viel "mitgenommen" hat, bis hin zu dem nie wirklich befriedigenden Gefühl, nach einem Clubbesuch bis vier Uhr morgens doch anderntags wieder "nach Hause" zu "müssen".

Mich bewegen schon lange einige Fragen: Ist Berlin ein Abbild "unserer" deutschen Gesellschaft? Ist sie eine riesige liberale Insel? Ist sie das gerade nicht? Gefallen mir die voll durch-graffitisierten, verfallenden Hauswände, die so einen heftigen Gegensatz zum durchgehypten Neuen liefern? Was beweisen die vielen "Kaputtnix", die tags wie nachts immer irgendwo rumhängen? Soll das ein Experiment sein? Wovon, wofür könnte Berlin ein Exzess sein? Ist die Stadt gar ein Syndrom? Die baulichen Zeugen aus allen möglichen politischen Epochen, insbesondere die Allgegenwart der deutschen Teilung (und was aus ihr gemacht wird) allein sind ein steingewordenes Syndrom, das die Berliner selbst wie selbstverständlich hinnehmen. Nun, genau das ist es ja nicht: Nichts ist "selbstverständlich".

Berlin? Ach, ich weiß auch nicht. In der gepflegten Langeweile Münchens weiß ich wenigstens, dass ich nichts verpasse und auch noch nie was verpasst hab'.

Ich sollte mal nach London. Da war ich noch nie. Vorher aber nochmal: Berlin.

20 Januar 2008

München: In Bewegung

von Bodo Wünsch

"Krimineller Ausländer". Dieses Wortpaar begegnet einem massenmedial beinahe auf Schritt und Tritt. Es suggeriert Identität, die es nicht gibt. Scheußlich allein ist irgendeine diffuse Agenda, die anscheinend dahintersteckt, und auf die "das Volk" beinahe sehnsüchtig nur gewartet hat.

Da passt es ins Bild, dass mir am Münchner Marienplatz Freitagnachmittag zu Zeiten bester Passantenfrequenz - hier eine Menschenmenge, die sich natürlich bei weitem nicht nur aus Münchnern zusammensetzt - gleich zwei "schräge Vögel" ansprachen: Ein nicht unfreundlicher, älterer Herr mit Hut mit umgehängtem (!) Plakat ("Gegen eine Großmoschee [sic!] in München!") und ein dicker Jüngerer mit reichlich kurzem Haar und Harrington-Jacke, der mir einen Flyer mit der Aufschrift "Ausländerstopp jetzt" in die Hand drücken wollte. Beide, so konnte man beobachten, trafen durchaus auf wohlwollende Ansprache.

Gruselig fand ich das, reichlich gruselig, zumal man mir im Ausland, mir als Ausländer also, durchweg bevorzugt entgegentritt, und mir "Großkirchen" in deutschen Städten nur deshalb kein "Dorn im Auge" sind, weil ich generell jedwede "Kultur"-leistung hochschätze, sei sie traditionell, sei sie individuell.

Das Ressentiment gegen den Anderen, gegen das Andere im Allgemeinen hatte ja in 'Schland nie aufgehört, zu wabern. Nun wird die Salonfähigkeit getestet, und ich habe das Gefühl, die neuen Tests werden die Crashsicherheit gewisser Neo-Rassismen und Neo-Antiindivdualismen erweisen.

"Anti-anti" ist in, und München "bewegt" sich ein klein wenig dazu, unbehelligt, unbemerkt auch vom etwas farb- und ziemlich lautlosen Kommunalwahlkampf einer Partei, deren mitgesungenes Hauptanliegen es ist, bloß den einen oder die andere mehr in den Stadtrat zu bekommen.

17 Januar 2008

Dubai: Abgesoffen

von Bodo Wünsch

George W. Bush besuchte im Rahmen seiner jüngsten Nahostreise die Vereingten Arabischen Emirate, darunter den Stadt-"staat" Dubai. Ich war bis gestern ebenfalls dort, allerdings nicht im Rahmen einer Nahostreise, und ohne "Marine One", dem dickem Drehflügler, sondern, um ein paar geschäftliche Anschlusstermine wahrzunehmen, die im Dezember liegen geblieben waren.

Doch um ein Haar fielen diese unerwartet und buchstäblich ins Wasser. Es regnet seit Tagen in den Emiraten, besonders viel Niederschlag auf Dubai und das Nachbar-Emirat Sharjah. Fällt in Arabien Regen, freut man sich, es ist natürlich ein höchst seltenes Ereignis. Es regnet im Durchschnitt nur an zwei Tagen im Jahr. Fällt mehr Regen, freut man sich mehr.

So nahmen die Menschen es gelassen hin, dass sich allmählich immer mehr Straßen und Plätze sich mangels funktionierender Straßendrainage (man braucht's ja eigentlich nicht) in kleine Seen verwandelten, Ampeln ausfielen, Taxifahrer einfach zu Hause blieben und es selbst in den luxuriösen Malls und Bürogebäuden teilweise recht kräftig aufgrund undichter Dächer und fehlender Wasserableitung überall hereinregnete und man sich mit Hunderten aufgestellter Auffangeimern behalf.

Weniger gelassen nahm man hin, dass man den Besuch des amerikanischen Präsidenten erdulden musste - nicht etwa, weil er ein ungebetener Gast wäre, ganz und gar nicht - sondern weil er Politiker ist, der einem nur vom Arbeiten und Geldverdienen abhält. Vielleicht war dies ein strategischer Schachzug von Sheik Mohammad, Chef von Dubai, der erst am Nachmittag des Vortags einen Feiertag ausrief und die Polizei die komplette Stadt abriegeln ließ. Was heißt "abriegeln": Er legte "seine" Stadt lahm. Wollte er die Leute gleichsam spüren lassen, was es heißt, wenn ein US-Präsident "einfällt"?

Ein wirklich einmaliges Erlebnis: Dubai stand (am Dienstag) einen Tag lang still. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Stille in den Straßen war gespenstisch. Wie "heruntergefahren". Man kam mangels Taxis auch nicht mehr aus den Hotels heraus. Laufende Messen blieben einfach geschlossen; sämtliche Verkehrswege aus und in die Stadt waren gesperrt, die Mega-Baustellen blieben verwaist, verärgerte Geschäftsleute und Einheimische standen stundenlang in ihren Autos in stehenen Kolonnen. Abends lief der Verkehr wieder, doch es blieb ruhig; das erste Mal, dass ich einmal nicht auf einen Tisch in Vu's Bar warten musste, wo der deutsche (!) Keeper überdurchschnittlich viel Alkohol in die Drinks mixt ;-).

Am nächsten Tag war der 'Cowboy' wieder weg, man nahm seine Tätigkeiten wieder auf, versuchte, mit noch größerem Eifer den verpassten Tag nachzuholen, doch dann ließ Allah regnen setzte der große Regen ein, der den Verkehr beinahe vollständig zum Erliegen brachte.

"Who needs Bush here?" - das war schließlich die große zentrale Frage in dieser Woche. Nur 'His Highness' wird sie wohl beantworten können, ein Mann, der bekannt dafür ist, dass ihn "Politik" oder gar "Protokoll", wie wir es kennen, schlicht nicht interessiert.

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12 Januar 2008

Vanity Fair: "Neuer sozialer Nationalismus"

von Bodo Wünsch

Ich finde es durchaus erwähnenswert, wenn eine Wendung wie "neuer sozialer Nationalismus" Eingang in das auch im übrigen treffenden Editorial eines Print-Publikumsmediums findet (s. die aktuelle VF 03/08), Chefredakteur Ulf Poschardt schreibt weiter:

"Die Politik bedient [die] Sucht nach Kleinheit mit einem Druck zur Gleichheit. Selbst die einst liberale Union kriecht in die warmen Niederungen des antikapitalistischen Ressentiments zurück."

Weiter so!

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11 Januar 2008

Einheitslohn - VW Trabant - SEU?

von Peter Stockmann

Wer Mindest- und Höchstlöhne haben will, muss konsequenterweise irgendwann einen Einheitslohn wollen.

Wer Vorratsdaten speichert, Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden besser verknüpft und einen biometrischen Pass vorgeschrieben hat und dazu eine einheitliche, ab Geburt zugeteilte Identifikationsnummer einführt, sperrt 'sein Volk' längst hinter jene Mauer, von der er beabsichtigte, sie nie zu errichten.

Wer bestimmte Designs von Kraftfahrzeugen verbieten will und zugleich 'ökologisch und technisch korrekte' Bestimmungen zum Schadstoffaustoß, Energieverbrauch und Sicherheitsparametern erlässt, muss einen VOLKSwagen wollen.

Wer den Energieverbrauch von Häusern vorschreibt, die Volksgesundheit regeln will, von der allgemeinen Schulpflicht nicht loslässt, Zentralabitur fordert, unvermeidlich Hörfunk- und TV-Sender ins Wohnzimmer liefert, .... (bitte ergänzen Sie selbst nach Belieben), ist dem nicht am besten mit einer Zentralen Planungsbehörde geholfen? Bietet nicht unsere so erfolgreiche Große Koalition die bestmögliche Voraussetzung für ein Schritt in die "richtige Richtung", der "gut ist für die Menschen"? Wieso so unrationeller Aufwand mit zig unkoordinierter Einzelbehörden? Zeigt nicht etwa die Überzahl gesetzlicher Krankenkassen, das eine Vereinheitlichung längst überfällig ist?

Mein Namensvorschlag: SEU - Sozialdemokratische Einheitspartei Europas.

Nein, es macht eben keinen Unterschied. Zwischen Honeckers Pornosammlung und "seinem" ZK und den netten Ausflügen gewisser Gesamtbetriebsräte eines Ex- und Quasi-Staatskonzerns, nach deren Kumpelz in der BRD Gesetze benannt sind - durch wiederum andere Kumpelz, ist kein wirklicher kategorialer Unterschied.

09 Januar 2008

Eisbärverbrechen

von Bodo Wünsch

Knut. Und welchen "Namen" gibt man dem Nürnberger Mord Beinahemord Kuschel Eisbären?
Dagobert? Edmund? Adolf? Willy? Ratzi?

Aber ich versteh' da grundsätzlich was nicht. Vielleicht erklärt mir's ja einer.

08 Januar 2008

Hörfunk-Tipp: Bodo Wünsch im Interview zur "Liberalen Blogosphäre"

F.M.R. on air:Mittwoch, 09. Januar (zwischen 19 und 20:30 Uhr) wird Bodo Wünsch, Autor auf F.M.R., A'team und Freiheitsfabrik auf Bayern 2 in der bekannten Jugend-Sendung "Zündfunk" zu hören sein (Zeiten & Frequenzen hinter dem Link). In einem Interview wird nach Gründen gesucht, weshalb gerade die "liberale Blogoshpäre" den Eindruck einer vergleichsweisen starken "Bewegung" im Netz macht, die sich zunehmender Aufmerksamkeit erfreut. Es geht u.a. um die Hintergründe ihrer spezifisichen Themenwahl, das Verhältnis der liberalen Blogger zur FDP, über "Gummersbach" und natürlich um das Bloggen als solches.

Hören Sie rein!

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03 Januar 2008

"Wieso lassen wir uns das gefallen?" Blöde Frage.

von Bodo Wünsch

Reinhard Mohr glossiert auf SPON die RTL-Sendung "Der Arbeitsbeschaffer". Er fragt sich angesichts des offenkundigen Unwillens des sozialstaats-gesponsorten Hauptprotagonisten der letzten Folge, der 'nu aber' seinen Arsch einfach nicht hochbekommt:

"Die Frage, warum wir Steuer- und Sozialbeitragszahler uns das von ihm bieten lassen, ..."

An Ihrer Frage ist alles falsch, Herr Mohr. Nein, es ist nicht mal eine Frage.

1. Niemand zahlt Steuern, niemand zahlt Sozialbeiträge. Vom Produktiveinkommen nimmt sich ein Zwangssteuerstaat einen, der Zwangssozialstaat einen anderen fetten Teil.

2. Gefallen lassen? Eine individuelle Entscheidung, ob ich einen Beitrag zu möglichen Gemeinkosten (öffentliche Kosten, Infrastrukturkosten, Kosten der Subsidiarität innerhalb und außerhalb einer wie auch immer definierten Subsidiaritätsgemeinschaft [vulgo: "Familie"]) leisten will, ist nicht möglich. Sie wäre vielleicht indirekt möglich durch die konstituierte politische Kollektivierung eines bestimmten politischen Willens (nämlich, erzwungene, sog. Sozialtransfers zu reduzieren oder ganz abzuschaffen) - aber genau damit "gewinnt man keine Wahlen", denn die (Massen-)"Entscheidung" liegt - Treppenwitz der Demokratie - eben bei jenen, die gerade vom vordergründigen Nutzen der Einrichtung "Sozialstaat" profitieren; ein Teufel werden sie tun, und eine Partei wählen, die ihnen nehmen will, was ihnen eine andere gegeben hat.

3. "von ihm"? Was macht der eigentlich falsch, was in irgendeiner Form justiziabel wäre? Nichts! Nada! Er handelt - optimal! Die Ethik, die dahintersteckt, geht "uns" nix an. Es ist nämlich seine, und auf die hat er nicht weniger ein "Individualrecht" wie du. Das Einkloppen auf "Nettostaatsprofiteure" ist (neo-)nazistischer Sondermüll, hinlänglich bekannt und von rotroten Sozialisten ebenso hinlänglich falsch kritisiert.

Mich machen solche Aussagen, wie Mohr und so viele andere sie tun, doch leicht zornig. Längst verrät ihn das "wir". Selbstverständlich würde ich mir das nicht gefallen lassen - aber ich habe eben KEINE Wahl, und schon gar keine Möglichkeit des Einwirkens auf einen bestimmten "Hartz IV-Empfänger". Weder kommunal, noch im Land, geschweige denn, im Bund. Meine Stimme habe ich im Wortsinn: Abgegeben.

Die turnusmäßige Vorlage sog. "Stimmzettel" ist so viel wert wie eine Karre Sand in der Wüste, das Beklagen der Zustände in SPON-Glossen ja geradezu integrierend, denn zumindest "hat's ja einer mal gesagt". Aber von Rechtsgemeinschaft und ihrer durchaus 'radikalliberalen' Möglichkeit im Hier und Jetzt war nicht die Rede. Das war auch nicht zu erwarten. Die Rede spielt sich auf einer Ebene ab, die eine individuelle ist, und deswegen liegt der Herr Staatsmohr so ganz gründlich daneben. DAS ist der eigentliche Skandal, nicht die arme Sau, die nicht weiß, wie man sich zum Bewerbungsgespräch kleidet oder "wie das geht: leben und arbeiten auf eigene Rechnung und Verantwortung."

Pffff.