Berlin
Seit nunmehr 25 Jahren komme ich (Münchner) fast schon regelmäßig in die Hauptstadt, begonnen hat es einmal mit einer Klassenfahrt, jetzt wechseln sich geschäftliche, urlaubs-, blogosphärisch oder "bildungsbürgerlich" bedingte Aufenthalte in schöner Regelmäßigkeit ab.
Ja, ich mag die Stadt. Komme gern. Ich mag sie schon allein wegen ihrer Größe, ihrer Ausdehnung, der Breite der Straßen, der Weite ihrer Promenaden, ihrer Belebtheit und der Tatsache, dass man beinahe jeden Winkel bequem mit "öffentlichen" Verkehrsmitteln erreichen kann.
Und ebenso lange frage ich mich, wie die Menschen, die in Berlin leben und die unglaubliche Vielfalt (Kunst!), ihre Eigen- (Provinzgefühl! Kiez!) und Blödheiten ("Prenzlberg"!), sie selbst ertragen.
Keine Sekunde würde ich es aushalten. Will man alle Galerien sehen, müsste man nach der letzten besuchten Galerie bei der ersten wieder anfangen. Ich hätte in dieser Stadt stets das Gefühl, mehr noch als irgendwo anders auf der Welt, dass gerade da, wo ich nicht bin, der Bär steppt. In Berlin denke ich jedes Mal, ich würde grad was verpassen - besonders dann, wenn man doch einen ganzen Tag und eine dreiviertel Nacht als Besucher möglichst viel "mitgenommen" hat, bis hin zu dem nie wirklich befriedigenden Gefühl, nach einem Clubbesuch bis vier Uhr morgens doch anderntags wieder "nach Hause" zu "müssen".
Mich bewegen schon lange einige Fragen: Ist Berlin ein Abbild "unserer" deutschen Gesellschaft? Ist sie eine riesige liberale Insel? Ist sie das gerade nicht? Gefallen mir die voll durch-graffitisierten, verfallenden Hauswände, die so einen heftigen Gegensatz zum durchgehypten Neuen liefern? Was beweisen die vielen "Kaputtnix", die tags wie nachts immer irgendwo rumhängen? Soll das ein Experiment sein? Wovon, wofür könnte Berlin ein Exzess sein? Ist die Stadt gar ein Syndrom? Die baulichen Zeugen aus allen möglichen politischen Epochen, insbesondere die Allgegenwart der deutschen Teilung (und was aus ihr gemacht wird) allein sind ein steingewordenes Syndrom, das die Berliner selbst wie selbstverständlich hinnehmen. Nun, genau das ist es ja nicht: Nichts ist "selbstverständlich".
Berlin? Ach, ich weiß auch nicht. In der gepflegten Langeweile Münchens weiß ich wenigstens, dass ich nichts verpasse und auch noch nie was verpasst hab'.
Ich sollte mal nach London. Da war ich noch nie. Vorher aber nochmal: Berlin.





